Evangelische Kirchgemeinde Rehna - Kirch Grambow - Meetzen

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Du sollst dir kein Bildnis machen

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Predigttext 2. Gebot: Ex 20,4

„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen,

weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten

auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.“

- Bezug: Gott und Menschen nicht in Stein meißeln: „Der ist so und der bleibt so!“ vom 2. Gebot her infrage stellen

Liebe Gemeinde,

die Predigt heute möchte ich mit dem Vers eines Liedes aus der Passionszeit beginnen:

„Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken,
mich in das Meer der Liebe zu versenken,
die dich bewog, von aller Schuld des Bösen
uns zu erlösen.“

Bei der Kinderrüstzeit in der zurückliegenden Ferienwoche mit über 80 Teilnehmern haben wir unter anderem Masken aus Gips gebastelt. Diese hier gehört der Tochter von Herrn Gaul, dem Bürgermeister aus der Gemeinde Wedendorfersee.

 

Masken passen natürlich jetzt in die Zeit vor Aschermittwoch. Masken, die entdecken lassen.

Im Rahmen meiner Bibeltheaterausbildung war ich im vergangenen Herbst zu einem Kurs, in dem es um das Maskenspiel ging. Fast alle Teilnehmen aus Norddeutschland waren vor dem Kurs skeptisch: „Na, Masken! Mit Karneval haben wir nicht so viel am Hut! Der Kurs wirkte auf kaum reizvoll.“

Doch während der Kurstage merkten wir, welch ein Schatz so eine Maske sein kann. Wir spielten u.a. mit diesen Masken aus Papier. Jede dieser Masken hatte ein ganz eigenes charakteristisches Gesicht: Ein trauriges, ein leidendes, ein fröhliches, ein albernes, ein schmerzerfülltes oder ein feines Gesicht. Insgesamt waren es so an die 20 Charaktermasken.


Unsere Aufgabe war es dann, uns für eine gewisse Zeit in den Ausdruck der Gesichter hineinzufühlen. Das war mit der Zeit sehr anstrengend, auch für uns als Seelsorger. Man musste in seinem eigenen „Ich“ nach den Gefühlen suchen, die die Maske wiedergab.

Und wenn es dann gelungen war, uns in den Ausdruck des Gesichtes hineinzufühlen, durften wir letztendlich die Maske aufsetzen. Das war dann das Ergebnis eines längeren Prozesses. War dieser gelungen, konnte der gesamte Körper des Menschen den Ausdruck des Gesichtes wiedergeben. Die Bewegungen, die Gesten stimmten dann mit dem Gesichtsausdruck überein.

Wenn der Prozess der Aneignung nicht gelungen war, hatte der Teilnehmer lediglich eine Pappe im Gesicht und bewegte sich irgendwie dazu.


Das war schon sehr interessant, wie wichtig die Aneignung des Gesichtes für das Gelingen war. Maskenspiel bedeutet also nicht einfach – Maske auf und fertig, sondern es setzt vielmehr einen sehr anstrengenden Prozess der Aneignung voraus. Auch ein Schauen auf das eigene Ich: Wo kenne ich das Gefühl, das die Maske wiedergibt, auch in mir? Wie geht dieses Gefühl? Wie atmet man dann, wie reagiert der Bauch, wie die Schultern?

In der griechischen Antike wurden Masken als Persona bezeichnet. Das „Ich“ des Menschen kann in verschiedenen Personen erscheinen. Wenn ich hier vor Ihnen im Gottesdienst stehe und predige, erleben Sie mich als eine andere Person als wenn ich Sonntagabend gemütlich auf der Couch sitze. Jeder von uns erscheint in unterschiedlichen Persona, um nicht das doch etwas negativ besetzte Wort „Maske“ zu benutzen.

Wenn Masken als Maskierungen erkannt werden, dann stimmen sie nicht mit unserem Ich überein. Dann sind sie unecht. Pappe im Gesicht. Ganz anders die Persona.

Sie helfen uns, in der Gesellschaft zurechtzukommen, mit anderen zu kommunizieren und uns angemessen zu verhalten. Es ist wichtig zu entscheiden, mit welcher Person von mir will ich auftreten. Welche ist angemessen in der jeweiligen Situation.

Und wenn diese Persona nicht meinem „Ich“ entspricht, erscheint sie aufgesetzt wie eine Pappmaske, mit der sich ein Teilnehmer aus seinem Innersten heraus nicht identifiziert hat.

Bei der Kinderrüstzeit in der vergangenen Woche hatten wir also Masken gebastelt. Und die Masken passten gut zu dem Hauptthema der Tage: Nämlich zum Apostel Paulus.

Der hat nämlich auch seine Persona verändert, sein Gesicht. ER war Christenverfolger, voller Hass lauerte er den Christen auf. Bis er eine ganz besondere Erscheinung hatte. ER erlebte ein Licht und hörte die Stimme von Jesus: „Saulus, Saulus, warum verfolgst Du mich.“ Und danach wurde aus Saulus der Apostel Paulus, der keine Christen mehr verfolgte, sondern im Gegenteil Menschen zu Jesus bewegte. Paulus hatte sich völlig verändert. Das kann geschehen, dass Menschen sich zu einer anderen Person wandeln.

Auch die Kinder bei der Rüstzeit konnten schon aus ihren Erfahrungen erzählen. Menschen können sich verändern. Ursachen dafür sind Krankheiten, Schicksalsschläge, ganz bewusste Entscheidungen und anderes.

Aber immer sind diese Personen schon in unserem „Ich“ vorhanden. Wir können danach suchen, sie erfühlen, ihnen ein Gesicht geben. In Paulus steckte sowohl der Christenverfolger als auch der große christliche Missionar. Zwei Personen ein und desselben „Ichs“. Es ist eine Entscheidung des Paulus gewesen, ein Mensch zu werden, der sich für die Sache Jesu einsetzt.

Welche Persona will ich werden, welche Teile meines Ichs sollen mein Gesicht prägen? Modernste psychologische und soziologische Untersuchungen zeigen, dass auch Menschen im höheren Alter sich noch verändern können, ein anderes Gesicht von sich der Welt zu zeigen vermögen. Die Veränderungen sind nicht immer leicht und bilden einen Prozess. Aber ein miesepetriger Mensch kann auch ein hoffnungsvolles Wesen aus seinem Ich heraus entwickeln. Veränderungen sind möglich.

Masken oder Persona sind dafür ein Symbol.

Der Schriftsteller Siegfried Lenz erzählt in seinem Buch „Die Maske“ von einem Studenten, der seine Semesterferien beim Großvater, dem Inselwirt, verbringt. Eines Tages finden am Strand einer kleinen Nordseeinsel die Einwohner einen angespülten Container, in dem sich chinesische Tiermasken befinden. Sie probieren die Masken an – und werden andere, sehen sich in einem neuen Licht. Unter dem Schutz der Masken werden Feindschaften beigelegt, Vorurteile vergessen und eine Liebschaft geknüpft. Die Masken verleihen ihren Trägern neue Identitäten und neue Möglichkeiten.
"Die Dorfbevölkerung stellt fest, dass die Maske ihnen eine bestimmte Freiheit verschafft", erzählt Lenz. "Eine Freiheit des Sagens, des Anvertrauens, aber auch eine Freiheit des Zorns, der Wut, der Empörung.“ Hinter den Masken verändern sich auch die Menschen. Sie verbergen sich nicht dahinter –
wie ja immer gern behauptet wird, dass Menschen sich hinter Masken verstecken -, sondern machen sich vielmehr kenntlich und zeigen eine neue Seite an sich.

Auch die Masken in dieser Geschichte von Lenz sind ein Symbol für die Freiheit, dass Menschen sehr unterschiedlich sein können.

In diesem Zusammenhang ist uns von Dietrich Bonhoeffer, dem evangelischen Pastor, uns ein Gebet erhalten geblieben, das er im Nazigefängnis in Berlin geschrieben hatte:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Bonhoeffer ist beides. Er ist sowohl derjenige, der heiter und gelassen aus seiner Zelle tritt, aber auch derjenige, der sich im Gefängnis nach den Blumen, den Vogelstimmen und menschlicher Nähe sehnt und sich grämt. Zwei Persona ein und desselben Menschen: Der Gelassene und der Traurige. Beide Personen leben aus einem Ich. Da ist keine wahrer und ehrlicher.

Wer sind wir wirklich? Bin ich mehr der Pastor, der vor Ihnen steht und predigt oder eher der Ehemann, der abends auf dem Sofa sitzt. Ich bin beides, zwei Persona ein und desselben Ichs.

Wichtig ist nur, dass die Persona unserem Ich entsprechen, sonst wirken sie aufgesetzt wie Pappe auf dem Gesicht eines vermeintlichen Schauspielers.

Aber wir können uns hineinversenken und nach einer Persona in uns suchen, als der wir gern der Welt erscheinen möchten.

So heißt es in dem Vers des Passionsliedes:

Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken,
mich in das Meer der Liebe zu versenken,
die dich bewog, von aller Schuld des Bösen
uns zu erlösen.

Wenn wir uns in das Meer der Liebe versenken, werden wir auch mit einem entsprechenden Gesicht wieder auftauchen. So kann aus einem Saulus glatt ein Paulus werden.

Das schenke uns und der Welt um uns her Gott. Amen.

 

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