Evangelische Kirchgemeinde Rehna - Kirch Grambow - Meetzen

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Kugelschreiber-Predigt

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(Der Pastor hält seinen Kugelschreiber hoch.)

Liebe Gemeinde,

mit diesem Kugelschreiber habe ich Teile der heutigen Predigt auf Schmierpapier notiert.

Kugelschreiber wie dieser hier wurden vor ein paar Tagen zum Zeichen von Trauer, Wut und Protest. Solche Kugelschreiber oder Buntstifte haben die Pariser Bürgerinnen und Bürger bei dem großen Gedenkmarsch am letzten Sonntag in die Höhe gehalten, um an die ermordeten Opfer der Attentate bei Charlie Hebdo und im Supermarkt zu erinnern. Sehr bekannte französische Karikaturisten sind ermordet worden. Einzig und allein, weil sie mit spitzen Stiften lustige Bildchen gemalt haben. Lustige Bildchen? Das ist vielleicht die eine Blickrichtung.

Andere sehen in den Zeichnungen der Karikaturisten, dass diese Religionen verhunzt und Gläubige auf die Schippe genommen haben. Noch dazu die Religion derer, die sowieso zu den Verlierern gehören.

Oft lag der Humor der Satirezeitschrift Charlie Hebdo – wie zu lesen ist – unterhalb der Gürtellinie. Im Islam wird das Bilderverbot, das wir als Christen ja auch kennen, sehr ernst genommen. Gott oder Mohammed dürfen nicht abgebildet werden. Und reiche Europäer machen Mohammed zur Witzblattfigur.

Als das Erscheinen der Satirezeitschrift nach dem Anschlag mit einer erneuten Mohammedkarikatur in den Medien gefeiert wurde, hatte ich sehr gemischte Gefühle. Gerichte u.a. in der Türkei hatten die Abbildung dieser Karikatur in der Konsequenz verboten. Es ist auch für liberale Moslems sehr schmerzhaft, wenn ihr Prophet verunglimpft wird.

Und für uns Christen? Wie gehen wir damit um, wenn unser Glaube oder Jesus verspottet oder karikiert wird. Ich habe ein Bild vor Augen: Da hängt ein Esel am Kreuz. Und unter dem Kreuz steht ein Mensch, offensichtlich betend: Und ein Text dazu verrät, dass da ein Christ seinen Gott anbetet.

Dies ist keine Zeichnung aus der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, auch kein Gekritzel aus der DDR-Zeit, sondern eine viel viel älterere Karikatur.

Dieses Bild ist nur wenige Jahre oder Jahrzehnte nach der Kreuzigung von Jesus gemalt worden. Der Esel am Kreuz.

Die Christen hatten es also von Anfang an mit Schmähungen und Beleidigungen zu tun gehabt. Ja, auch Christus selbst wurde verhöhnt und verspottet. ER hat dies alles erduldet, wurde nicht aggressiv und rief auch nicht zu Gewalt und Rache auf. Im Gegenteil: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, so hat Jesus am Kreuz gebetet. Und in der heutigen Epistel haben wir gehört: „Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.“

Ja, und wenn Menschen sich darüber lustig machen, dass wir Christen sind, an Gott glauben und Gottesdienst feiern, dann sind wir ganz nah bei Jesus. „Wer mir nachfolgen will“, sagte Jesus einmal, „der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich.“

Und noch etwas haben die ersten Christen getan im Angesicht von Hohn und Spott: Sie haben sich österliche Geschichten erzählt. Geschichten, die nahe bringen, dass wir Christen die sein werden, die als letzte lachen.

So eine österliche Geschichte ist auch der heutige Predigttext.

 

Die Hochzeit zu Kana (Johannes 2, 1-11)

Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.

Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.

Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.

Jesus spricht zu ihr: Was geht's dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.

Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.

Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm.

Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten's, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam

und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.

Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

 

„Am dritten Tage“ war die Hochzeit. So heißt es gleich zu Beginn. „Am dritten Tage“, das erinnert natürlich an den Ostertag. Und in der Antwort, die Jesus seiner Mutter gibt: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“, klingt die Todesstunde von Jesus an. Die ist mit „dieser Stunde“ gemeint. Wenn im Evangelium von der Stunde die Rede ist, ist die Todesstunde im Blick, die über den Tod hinausführt. Tod und Auferstehung sozusagen.

Aber abgesehen von diesen kurzen Anspielungen, wo ist die Geschichte von der Hochzeit zu Kana sonst österlich?

Man muss schon genau hinhören. Dann vernimmt man in ihr ein Osterlachen. Denn es ist eine fröhliche, ja gar lustige Geschichte. Ein Schwank. Der Wein ist alle – bei einer Hochzeit. Und ein Gast forderte die Diener der Feier auf, die Gefäße, die der Reinigung dienten, mit Wasser zu füllen, was diese dann auch taten. Und als der Speisemeister den Inhalt der Gefäße probierte, schmeckte er den lieblichsten Wein. Nichtsahnend spricht der Speisemeister den Bräutigam daraufhin an. Und der ist auch völlig ahnungslos. Total verblüfft stellen beide fest, dass es nun bei der Hochzeitsfeier den köstlichsten Wein gibt und dies in Hülle und Fülle. Umgerechnet wohl für 800 Gäste.

Hören Sie darin die Erleichterung, den Humor, die Lebensfreude? Denn darum geht es in dieser Geschichte.

Denn eigentlich ist dies ja ein sinnloses Wunder.

Geht es Ihnen nicht so beim Hören? Wir pragmatischen Protestanten denken sofort: Bei seinem ersten Wunder hätte Jesus sich aber etwas vernünftiger anstellen können. Er hätte einen Blinden, einen Lahmen oder einen Leprakranken heilen können. Damit hätte er etwas für Diakonie und Gesundheitswesen getan. Für Epilepsie oder Besessenheit hätte es sich viel eher gelohnt, die Naturgesetze zu übertreten. Aber viel Wasser in noch mehr Wein verwandeln? Was soll das denn? Damit wäre die Geschichte der Hochzeit von Kana aber missverstanden. Sie gehört zu den Wundern, die auf kindlich unschuldige Weise Fülle, Überfluss und Heil in den Mittelpunkt rücken.

Eine Geschichte voller österlicher Lebensfreude – gleich zu Beginn des Johannesevangeliums.

Aber fehlt in dieser Ostergeschichte nicht auch die leidvolle Seite, die Leere, das Kreuz? Mitnichten!

„Der Wein ging aus!“

Kein Wein mehr da! Was für ein Unglück. Was für eine Blamage. Stellen Sie sich vor, bei Ihrem Geburtstagsfest reicht das Essen nicht. Oder der Wein. Oder das Bier geht aus. Ein Albtraum für jede Hausfrau! Erst recht im gastfreundlichen Orient, wo Feste noch opulenter, noch großzügiger gefeiert werden als bei uns. Und so wie Johannes die Geschichte erzählt, meint er sicher nicht nur irgendein Fest. Der Blick geht über eine einmalige Feier weit hinaus.

Das Fest der Liebe steht auf der Kippe. Wir hören das knapp 4 Wochen nach Weihnachten, drei Wochen nach Neujahr mit seinen guten Vorsätzen, Jahre nach der eigenen Hochzeit vielleicht, 10 Tage nach dem schrecklichen Attentat in Paris. Es gibt keinen Wein mehr. Nur noch Wasser. Wenn jetzt nicht ein Wunder geschieht, ist alles aus. Die Menschen werden Streit anfangen, wer nun Schuld daran ist. Sie werden auseinander laufen, enttäuscht die einen, beschämt die anderen, manche verängstigt –wie soll das jetzt weitergehen?

Ich glaube: Es gibt viele Gründe, wie es so weit kommen kann. Vielleicht war das Brautpaar zu geizig, hat zu wenig investiert in das Fest und in die Beziehung. Vielleicht sind mehr Gäste gekommen, als erwartet, vielleicht sind die Belastungen und Anforderungen größer als angenommen. Vielleicht sind die Widerstände zu groß; die Menschen, mit denen man zu tun hat eben doch nicht alle „guten Willens“. Das macht einem das Leben schwer und das Feiern erst recht. Da muss man mit Streit und Auseinandersetzungen rechnen: Wer hat denn nun Schuld, dass es nicht klappt? Wie bei einer Hochzeit, bei der der Wein ausgeht.

Maria ist anscheinend die erste, die davon redet. Aber sie redet nicht mit irgendwem. Sie schürt nicht Enttäuschung und Empörung bei den anderen Gästen und erzählt es herum: „Stellt euch vor, sie haben keinen Wein mehr! Was sind das bloß für Leute? Wären wir bloß nicht erst her gekommen.“ Sie beschämt nicht die Gastgeber: „Wie konnte denn das passieren? Für so eine Sache gibt es keine Entschuldigung!“ Nein. Maria weiß, an wen sie sich wenden muss. Maria redet mit Jesus. Ich glaube, das wäre in den meisten Fällen das Beste, wenn der Wein ausgeht – die Begeisterung, die Freude im und am Leben. Wenn man nicht mehr weiß, wie es weitergehen und wo neue Energie herkommen soll: Mit Jesus, mit Gott reden. Ihm klagen, ihm sagen, wo das Problem liegt.

Dann kriegt sie aber eine herbe Abfuhr von ihrem Sohn. Jesus konnte auch „nein“ sagen. Etliche Geschichten erzählen davon. Aber Maria lässt sich nicht beirren. Sie sagt nicht: „Du kannst mich mal gerne haben!“ Sie begreift: Er kann nicht einfach machen, was ich von ihm will. Aber sie vertraut ihm, auch, wenn es zunächst gar nicht  so aussieht, als ob er helfen wollte. „Was Jesus euch sagt, das tut!“ Ein sehr wichtiger Satz in der Geschichte: „Was Jesus euch sagt, das tut.“ Statt das ihr euch in Grund und Boden schämt, statt dass ihr verzweifelt, statt dass ihr auf ein Wunder wartet: „Was Jesus euch sagt, das tut!“

Und was sagt Jesus? „Füllt die Krüge mit Wasser!“ Die Riesenkrüge, die in jedem Haus am Eingang standen für die Gäste zum Füßewaschen. Während des Festes waren die anscheinend auch leer geworden. Also auf! Füllt sie mit Wasser. Das ist Arbeit, gewiss. Da muss man ein paar Mal zum Bach laufen oder zum Brunnen. Da muss man ganz schön schleppen. Aber andererseits: Es ist eigentlich nichts Besonderes. Kein Wunder ist nötig. Sie müssen nicht Übermenschliches vollbringen, damit das Fest weiter geht. Sie müssen nicht selber das Fest am Laufen halten, wie auch immer. Sie müssen nicht Erklärungen abgeben, um Verzeihung bitten, gute Vorsätze verkünden. Sie sollen tun, was ihre Aufgabe ist. Sie sollen tun, was den Alltag leichter macht. Damit die Gäste sich erfrischen können. Ihre Pflichten sollen sie erfüllen. Jetzt nicht sagen: Na, wenn es schon so weit gekommen ist: Dann hat das doch sowieso keinen Sinn mehr. Auch wenn es jetzt gerade vielleicht nicht so viel Freude macht, auch wenn es ein bisschen anstrengend ist: Sie sollen das Leben erträglich halten mit dem Waschwasser in den Krügen.

Und da geschieht das Wunder! Das Wasser schmeckt wie bester Wein. Das Wasser wird zu Wein. Auch wenn ich mir dieses Phänomen nicht erklären kann, entspricht das doch meiner Erfahrung: Wenn man sich bemüht, wenn man nicht aufgibt, wenn man für den Alltag sorgt,  wenn man sich umeinander sorgt: Dann können Wunder geschehen. Dann kann das Fest weiter gehen.

Jahre nach der Hochzeit z.B., wenn die Ehe im Alltag versandet und die Beziehung zu vertrocknen droht. Dann kann man etwas tun. „Füllt die Krüge mit Wasser!“ Macht einander das Leben leichter. Tut eure Pflicht. Sucht nicht bloß nach dem Schuldigen. Macht ab und zu ein besonders gutes Frühstück am Sonntag. Lobt, was der andere gekocht hat, und sagt, wie gut so ein entspanntes Essen tut. Fragt, was die andere bedrückt. Nehmt Anteil. Sucht nach ein paar guten Worten. Lest euch gegenseitig vor. Nichts Besonderes eigentlich. Bloß wieder Wasser in den Krügen. Damals haben sie erlebt, wie daraus Wein wurde. Vielleicht sollten wir darauf vertrauen?

„Nehmt einander an, wie Christus Euch angenommen hat, zu Gottes Lob!“, so lautet die Losung für dieses Jahr. Das ist es, was Jesus möchte, das wir tun. „Uns gegenseitig annehmen“; den Nachbarn, den Freund, den Fremden.

Dann können Wunder geschehen. Österliche Freude kann sich ausbreiten. Dann sind wir unserem Gott ganz nah. Es wird Grund zum Lachen geben, Kraft zur Vergebung und Erleichterung macht sich breit. Das Fest des Lebens endet nicht in großer Verzweiflung, in Vorwürfen und Bitterkeit, sondern in Hoffnung, Liebe und Glauben.

Solche Geschichten haben sich die ersten Christen erzählt und so manches friedlich duldend hingenommen, wenn sie von Zeitgenossen, ob ihres Glaubens belächelt wurden oder gar verspottet.

In der Bachkantate des heutigen Sonntages, des 2. nach Epiphanias, wird meditativ immer wieder gesungen: „Du musst glauben, du musst hoffen, du musst gelassen sein!“

Denn wer zuletzt lacht, lacht am besten.

- Amen -

 

Lieder:

- Der Morgenstern; 69,1-4

- Jesus ist kommen; 66,1-4

- Wie schön leuchtet der Morgenstern; 70,1-3

- Lied: Jahreslosung

- Auf, Seele, auf; 73,1-5

 

 

 

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