Evangelische Kirchgemeinde Rehna - Kirch Grambow - Meetzen

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Ausgew. Predigten von Pastor Ortlieb Sieben Wochen ohne... 2012: ohne falschen Ehrgeiz

Sieben Wochen ohne --- 2012: ohne falschen Ehrgeiz

E-Mail Drucken PDF

Predigttext 2. Kor 6,1- 2 (-10)

Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn er spricht: „Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tag des Heils geholfen.“

Siehe. Jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

Liebe Gemeinde,

schneller, höher, weiter – immer noch eins drauf. So hoch hinaus wie irgend möglich; sich so stark absichern, wie es nur geht; sich so viel bilden, so viel Wissen, so viel Informationen anschaffen, wie nur in den Kopf hineingeht und so fehlerlos sein, wie es nur irgend möglich ist.

Wer in unserer Gesellschaft etwas gelten will, der muss nahezu vollkommen sein.

Mein Sohn hatte vor ein paar Wochen von der Schule aus ein Betriebspraktikum zu absolvieren. Er hatte sich eine Schmiede aus gesucht, in der er gemeinsam mit dem Meister 2 Wochen tätig war.

Von der Schule aus gab es nach dem Praktikum ein Formblatt, das vom Arbeitgeber ausgefüllt werden sollte.

Für die Einschätzung des Schülers war in dem Formblatt eine Skala vorgegeben, nach dem der Arbeitgeber vorgehen sollte. Eine Stelle zum Ankreuzen war die Formulierung: „entspricht den Anforderungen“. Nun mag man ja sagen: Es ist ja toll, da entspricht ein Schuljunge den Anforderungen, die an ihm in einer Schmiede gestellt werden. Das ist ja optimal.

Aber nicht auf diesem Formblatt. Denn es gibt noch eine höhere Bewertung in der Skala auf diesem Blatt, die da lautet: „wird den Anforderungen im besonderen Maße gerecht.“

Ja, was muss ein Schuljunge denn machen, um den Anforderungen in einem artfremden Betrieb „im besonderen Maße gerecht zu werden“?

Damit aber noch nicht genug, die nächst höhere Bewertung auf der Skala lautet: „übertrifft die Anforderungen deutlich“

Diese Formulierung wäre das optimale Ergebnis des 2-wöchigen Praktikums. Wer lediglich mit dem Wörtchen „entspricht den Anforderungen“ nach dem Praktikum wieder zur Schule gekommen wäre, müsste sich fast schämen, weil man ihn so negativ eingeschätzt hat.

Deshalb wird jeder freundliche Praktikumsleiter den Schüler entsprechend der Skala des Formblattes besser einschätzen, als er tatsächlich war. Er wird also übertreiben.

Immer noch eins drauf, immer besser, immer höher. Gut ist nie gut genug. Unsere Sprache verrät uns da.

Wir befinden uns in der Zeit vor Ostern, in der Passionszeit. Und zu der Passionszeit gehört auch seit alters her das Fasten. Seit einigen Jahren gibt es in unserer evangelischen Kirche die Fastenaktion „7 Wochen ohne …“

In diesem Jahr heißt es „7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz.“

Das Bild zu der Fastenaktion in diesem Jahr finden Sie in Ihren Büchern. Auf dem Bild sehen ist einen Mann mit großen Flügeln. Er soll wohl kein Engel sein. Der Mann ist klitschnass. Offensichtlich ist er baden gegangen. Nach seinem Gesicht zu urteilen hat er dieses Bad im Fluss nicht freiwillig genommen.

Was mag geschehen sein?

Seine Flügel verraten, dass er vielleicht in die Luft steigen wollte – in dem Sinne: „Immer höher hinauf.“ Aber es ist misslungen und er ist mit seiner Idee baden gegangen.

Der Mann ist sicher ein ehrgeiziger Mensch.

Irgendwie ja auch sympathisch. Da ist jemand, der will etwas. Der probiert was aus. Der möchte höher hinaus. Der will etwas aus seinem Leben machen. Erfolg haben, Ansehen genießen.

Der missglückte Flugversuch des Mannes auf dem Bild erinnert natürlich auch an die Anfänge der Luftpioniere. Wie viele Fehlversuche gab es da? Womit haben die Menschen nicht alles versucht in die Luft zu steigen? Und wenn jemand dabei nass geworden war, war das sicher das geringste Übel.

Und doch haben die Luftpioniere der Geschichte die Voraussetzung dafür geschaffen, dass wir heute ohne große Sorgen in ein Flugzeug steigen können und mal locker in die Türkei fliegen.

Ehrgeiz ist auch gut. Dass es uns in Deutschland wirtschaftlich so angenehm geht ist ein Ergebnis des Ehrgeizes von vielen Menschen. All die Dinge, die uns das Leben leichter und angenehmer machen, auch die medizinischen Erfolge, beruhen letztendlich auch auf dem Ehrgeiz von Menschen der Geschichte und der Gegenwart.

Ehrgeiz hat eine sehr gute Seite.

Ehrgeiz kann aber auch zerstörerisch sein. Kein geringerer als Leonardo da Vinci, der italienische Maler, Bildhauer und Ingenieur auch von Flugobjekten hat einmal geschrieben:

„Für die Ehrgeizigen, die sich weder mit dem Geschenk des Lebens noch mit der Schönheit der Welt zufriedengeben, liegt eine Strafe darin, dass sie sich selbst dieses Leben verbittern und die Vorteile und die Schönheit der Welt nicht besitzen.“

Die Ehrgeizigen verbittern sich diese Welt, weil sie sich mit dem Geschenk des Lebens nicht zufriedengeben.

Vor kurzem las ich ein psychologisches Buch, in dem es unter anderem um das Verhältnis von Wunsch und Wirklichkeit geht. Die Gefahr besteht darin, dass ein ehrgeiziger Mensch sich mit der Wirklichkeit nicht zufriedengibt. Sein Wunsch ist es immer mehr zu schaffen, mehr zu wissen, höher hinaus zu kommen.

Aber wenn man nur den Wünschen nachjagt, lebt man im keinen guten Verhältnis zur Gegenwart. Das macht unglücklich, so las ich es in diesem Buch.

Es kommt darauf an ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wunsch und Wirklichkeit in seinem Leben zu finden.

Ehrgeiz kann zu einer starken Versuchung werden. Wir haben vorhin das Evangelium von der Versuchung Jesu gehört. Es muss auch für Jesus eine Versuchung darin bestanden haben über alle Reiche der Welt zu herrschen, ansonsten hätte ihm der Böse nicht damit locken wollen.

Aber der Preis wäre gewesen, dass Jesus vor dem Teufel auf die Knie gefallen wäre und ihn angebetet hätte.

Da war dann die Grenze. Es gibt bei allem Ehrgeiz auch eine Grenze, die wir mitunter selber ziehen müssen.

Jesus hat der Versuchung des Ehrgeizes widerstanden.

Teuflisch wird der Ehrgeiz, wenn er auf Kosten anderer Menschen getrieben wird, wenn die Liebe dabei verloren geht und auch wenn mein eigenes Leben dabei auf der Strecke bleibt. Das bedeutet es doch, wenn ich vor dem Teufel auf die Knie falle und ihn anbete.

Die Teufligkeit des Ehrgeizes erkennt man noch im ursprünglichen Wortsinn. Das Wort „Geiz“ wurde nämlich vom mittelhochdeutschen giten abgeleitet und giten bedeutet „gierig sein“. Eine Tomatenpflanze ausgeizen bedeutet also, von der Pflanze die Triebe auszubrechen, die der Pflanze gierig den Saft aussaugen.

Gier ist wie ein Gewächs, das das Leben schwächt – das Leben zwischen den Menschen, das Leben zwischen dem Menschen und Gott und mein eigenes Leben. Leonardo da Vinci sagte, dass der Ehrgeizige „sich selbst das Leben verbittert.“

Denn im Ehrgeiz steckt auch die Gier, die Gier nach Ehre und Anerkennung.

Jesus widerstand der Versuchung der teuflischen Seite des Ehrgeizes. Und er gab dem Bösen die Antwort: „Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“

Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.“

Gott allein gehört die Ehre.

Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz. – so lautet die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche.

Und im Predigtwort des heutigen Sonntags hören wir die Zusage: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

Dieses Wort ist wie so ein Engel, der für uns da ist: „jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils“

Dein Ehrgeiz muss dich nicht immer wieder aus der Gegenwart, aus der Wirklichkeit forttreiben und dich so verbittern oder unglücklich machen.

Nimm wahr das „Geschenk des Lebens und gib dich zufrieden mit der Schönheit der Welt“ Heut, hier und jetzt.

Du bist „gut genug!“

Zum Abschluss der Predigt noch ein Wort von der Schriftstellerin Luise Habel:

„Ich fühle mich sehr erschöpft. Vieles in meinem kleinen Haushalt bleibt liegen. Das macht mir Angst. Aber ich will die Schwäche zulassen, will nicht ankämpfen dagegen. In meinem Leben habe ich vieles mit letzter Energie erreicht. Meist habe ich sehr über meine geringen Kräfte gelebt. Jetzt denke ich: Ich erlaube mir meine Schwäche. Ich muss nicht immer stark sein. Ich versuche mein Selbstwertgefühl nicht aus meinen Leistungen zu beziehen. Langsam fange ich an, zu begreifen, was mit dem Mut zum Sein gemeint ist. Nur zu sein … Das kommt mich hart an. Aber ich will es üben.“ – so weit diese Schriftstellerin.

„Gut genug“ – möge uns diese Zusage der Fastenzeit über die nächsten Wochen begleiten. „Du bist gut genug“

Denn: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

- Amen -

 

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Sprachen/Languages