Evangelische Kirchgemeinde Rehna - Kirch Grambow - Meetzen

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Start Ausgew. Predigten von Pastor Ortlieb Verabschiedung von Fritz Lappann

Verabschiedung von Fritz Lappann

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Sonntag, 12. September 2010

 

1. Petrus 5,5c-11

Gott widersteht den Hoffährtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, dass er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Worge werfet auf ihn, denn er sorget für euch. Seid nüchtern und wachet; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben und wisset, dass eben die selben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. Der Gott aber aller Gnade, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, voll bereiten, stärken, kräftigen, gründen. Sein ist die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Liebe Gemeinde,

„so demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.“

Demut – ein altes christliches Wort. An diesem Wort kommen wir nicht vorbei, wenn wir die Bibel lesen. Doch – was bedeutet Demut?

Demut ist ein Beziehungsbegriff. Er beinhaltet die Unterordnung.

Das mag man heute nicht so gern hören. Heute will jeder ein freier Mensch sein, der selbst über sein Leben bestimmt – unabhängig. Ja, und wer ist nicht versucht, über andere zu stehen?

Manche haben sogar Spaß daran, andere zu demütigen, klein zu machen: mit verächtlichen Blicken, herabsetzenden Worten und Gesten.

Streitigkeiten, Kämpfe in Beziehungen – in Familien, Nachbarschaften, Kollegien - werden gern so ausgetragen, dass der andere unterliegt, gedemütigt wird. Ja, dann bin ich vermeintlich oben auf.

Bei der Formulierung „demütigt euch“ aus dem Predigtwort geht es aber nicht um die Beziehung: Mensch – Mensch, sondern Gott – Mensch.

Hier bedeutet dieses „demütigt euch“, dass ich mich unter Gottes Macht stelle, dass ich sie für mein Leben anerkenne. Im Predigtwort heißt es: „demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes“

Gottes Hand ist gewaltig. Er hat die Welt geschaffen, uns, den Menschen an unserer Seite. Diese gewaltige Hand Gottes in der Welt anerkennen das bedeutet dieses „demütigt euch“.

In der Bibel wird uns diese Demut immer wieder vorgelebt. Als Jesus z.B. im Garten Gethsemane vor seiner Gefangennahme betet und seine Angst benennt, endet er mit dem Satz: „Vater, aber nicht mein Wille geschehe, sondern Dein Wille.“

Im „Vater unser“ bitten wir: „Vater unser im Himmel … dein Wille geschehe.“

Und Dietrich Bonhoefer betet in der Gefängniszelle, in die ihn die Nazis gesteckt haben: „Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittren, des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus Deiner guten und geliebten Hand.“

Das meint dieses „demütigt Euch“ – „demütigt euch unter die gewaltige Hand Gottes“

Aber wir brauchen gar nicht so weit wegblicken. Ich denke auch an Menschen aus unserer Gemeinde, denen Schweres zugemutet wird, das sie tragen, ertragen müssen. Sie, lieber Herr Hoffmann, und Sie, liebe Frau Nickel, mussten in der zurückliegenden Woche von einem Menschen Abschied nehmen, den Sie so geliebt haben, der sie all die Jahre Ihres Lebens bisher begleitet hatte und mit dem Sie so gern noch weiter durchs Leben gegangen wären. Viel zu früh ist Ihnen dieser Mensch genommen worden.

Warum tut Ihnen Gott das an? Ihr Mann, Ihre Frau hatte diesen Tod nicht verdient. Nicht so ein Tod.

Wir wissen nicht, warum es das Leid in dieser Welt gibt.

Aber demütig gegenüber Gott sein heißt in Ihrer Situation, den Tod, den Abschied anzunehmen. Sich hier unterzuordnen und die gewaltige Hand Gottes zu akzeptieren. Die gewaltige Hand Gottes, so hoffen wir als Christen ja, die letztendlich alles zum Guten führen wird.

Für Sie, Herr Lappann steht nun ein großer Abschied bevor. Sie müssen Ihre Stadt Rehna verlassen, die Stadt, in der Sie Jahrzehnte zu Hause waren. Sie ziehen zu Ihrer Tochter, weil Sie all die Beschwerden des Alters nicht mehr allein tragen können. Warum hat es Gott so eingerichtet, dass man älter und damit immer mehr gebrechlicher und hilfloser wird? Das wissen wir nicht.

Wir können uns nur beugen unter diesem seinem Gesetz und demütig unseren Lebensweg gehen.

„So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes“

Liebe Gemeinde, kennen Sie August Dickmann? Gewiss nicht. Und doch ist es gut, so finde ich, ihn kennenzulernen. Ich möchte ihm – heute am Tag des Denkmals – ein Denkmal in meiner Predigt setzen. Am kommenden Mittwoch, am 15. September, nähert sich wieder der Jahrestag seines Todes. In diesem Jahr hätte er 100 Jahre alt werden können. Schauen Sie mal, war August Dickmann ein demütiger Mensch?:

Am 15. September 1939, zwei Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, wird August Dickmann im Konzentrationslager Sachsenhausen hingerichtet. Für die damals Herrschenden gab es nur einen Grund für die Verurteilung: Dickmann hatte sich aus Glaubens- und Gewissensgründen dem Kriegsdienst verweigert.

Dickmann, geboren 1910, arbeitete in einem Sägewerk. Um das Jahr 1932 begann er zusammen mit seinen Brüdern ein Bibelstudium. Alle drei blieben auch tätig, als die Aktivitäten der Religionsgemeinschaft nach der Machtergreifung Hitlers untersagt worden waren. Nachdem man seinen Bruder Fritz 1935 in das KZ Esterwegen eingeliefert hatte, wurde August verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Nach Ende der Haft wurde er im Oktober 1937 in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert. Auch sein Bruder Heinrich war dort inhaftiert. Als man August wegen seiner Kriegsdienstverweigerung einbestellt hatte, gab er zu Protokoll, dass er niemals Soldat werden kann und auch niemals im Krieg Menschen töten wird. Ferner erklärte er, dass er Hitler nicht als den Führer des deutschen Volkes anerkenne, denn Hitler sei die personifizierte Bosheit und ein Werkzeug Satans.

Zunächst wurde Dickmann für seine Ablehnung verprügelt, dann bekam er Arrest in einer Einzelzelle. Der Lagerkommandant Baranowski meldete den Fall und erbat sich von Himmler, dem Reichsführer SS, die Genehmigung, Dickmann im Beisein aller anderen Lagerinsassen - - vor den Augen seines Bruders Heinrich erschießen zu lassen. Himmler reagierte umgehend und ordnete die Exekution Dickmanns an, die erste öffentliche Hinrichtung in Sachsenhausen.

Am 15. September mussten nach dem Abendappell im Lager alle ca. 8.500 Häftlinge stehen bleiben. Anschließend wurden alle Bibelforscher mit dem lila Winkel aufgefordert, sich ganz vorne aufzustellen, wo man eine Holzwand errichtet hatte, die als Kugelfang dienen sollte. August Dickmann wurde vorgeführt. Der Kommandant meldete sich über Lautsprecher. Gemäß einem Augenzeugen sagte er: "Der Bibelforscher Dickmann hat sich geweigert, den Wehrpass zu unterschreiben. Deshalb hat ihn der Reichsführer der SS Heinrich Himmler zum Tode verurteilt, welches Urteil jetzt vollzogen wird." Das Exekutionskommando stand unter der Leitung von Rudolf Höß, dem späteren Kommandanten des KZs Auschwitz-Birkenau. Aus seiner Pistole erhielt Dickmann einen Schuss in die linke Schläfe seines Kopfes.

Auch nach dem Krieg galt und gilt August Dickmann aufgrund seiner Kriegsdienstverweigerung als Verbrecher. Er wurde wie auch die anderen Kriegsdienstverweigerer niemals rehabilitiert. Er blieb juristisch ein Verbrecher gegen das deutsche Volk.

Doch hätten damals mehr Menschen so gehandelt wie er, wäre Europa viel Leid erspart geblieben. Es hätte keine Millionen von Toten gegeben, keine Flucht, keine Vertreibung. Himmler hätte niemals anordnen können, dass 80% der deutschen Männer wegen Kriegsdienstverweigerung erschossen werden sollen. Das System Hitler hätte nicht mehr funktioniert, wären mehr deutsche Männer so gewesen wie August Dickmann.

War August Dickmann demütig? Ja, im Sinne des Predigtwortes. Seine Demut, seine Unterordnung unter Gottes Willen hatte ihn zum Kriegsdienstverweigerer werden lassen. Dabei war er nun aber alles andere als ein Drückeberger, ein Kratzbuckler. Offen sagte er den Schergen ins Gesicht: dass er Hitler nicht als den Führer des deutschen Volkes anerkenne, denn Hitler sei die personifizierte Bosheit und ein Werkzeug Satans. Sein Todesurteil.

Mit diesem Denkmal für August Dickmann in der Predigt bewegen wir uns aber in den Bereich der ersten Adressaten des Petrusbriefes:

Denn als dieser Brief geschrieben wurde, gegen Ende des 1. Jahrhunderts, hatte gerade eine große Verfolgung gegen die Christen begonnen, die mutig ihren Glauben lebten. Dagegen versuchte der römische Kaiser mit aller Gewalt, seinen Machtanspruch durchzusetzen: "Ich bin der Herr. Ich bin Gott. Ich bin anzubeten. Wer das nicht tut, kommt vor Gericht, ins Gefängnis, auf die Galeere als lebenslang verurteilter Sklave oder in die Arena vor die Löwen." Schon diese Drohung erinnerte die wenigen Christen im Lande daran, wie gefährdet ihr Leben und ihre Familien waren, wie unsicher überhaupt das Leben war. Das war nicht das Ziel, das sie sich mit ihrer Taufe gesetzt hatten. Sie wollten bewahrt, nicht verfolgt werden. Und nun müssen sie hören, dass der Kaiser und seine Beamten wie "Löwen" hinter ihnen her waren, so lange sie sich weigerten, den Kaiser als Gott anzubeten und den Kriegsdienst verschmähten.

Vom Löwen spricht dieser Bibeltext darum wohl auch: Der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.

Eine Christenverfolgung haben wir in Deutschland gegenwärtig - Gott sei Dank – nicht. Aber Ängste kennen wir auch. Ängste wie brüllende Löwen, die uns zu verschlingen drohen.

Wie soll es weiter gehen in dieser Gesellschaft. Die Atomkraftwerke bleiben nun über weitere Jahre am Netz. Doch wohin der Atommüll kommt, weiß noch keiner.

Da ist die Angst vor dem Alt-Werden, vor den Gebrechen und der Hilflosigkeit. Da ist die Angst vor dem Allein-Sein ohne den Ehemann oder der Ehefrau. Da ist die Angst vor dem Neuen nach dem Umzug.

Sorgen, über Sorgen – wie brüllende Löwen, die einen zu verschlingen drohen.Doch im Predigtwort heißt es: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch!“

Was könnte dies bedeuten?: „Alle eure Sorgen werft auf ihn?“

Ihr Lieblingslied, Herr Lappann, singt davon. Da heißt es in der 2. Strophe: „Wenn sich die Sonn verhüllt, der Löwe um mich brüllt,so weiß ich auch in finstrer Nacht, dass Jesus mich bewacht.“

Und weiter: „Und glitte je mein Fuß, brächt mir die Welt Verdruss, so eilt’ ich schnell zu Jesu Herz, der heilte meinen Schmerz.“

Bei Jesus, in der Beziehung zu Gott, in seiner Nähe kommt die Sorge um mein Leben zur Ruhe. So haben Sie es, Herr Lappann, immer wieder in Ihrem langen Leben erfahren. Und so stimmen Sie auch immer wieder gern ein in dieses Lied.

„Solang mein Jesus lebt, und seine Kraft mich hebt,muss Furcht und Sorge von mir flieh’n, mein Herz in Lieb erglüh’n!“

Lassen Sie uns also demütig unseren Weg gehen unter der gewaltigen Hand Gottes und unsere Sorgen auf ihn werfen, denn er sorgt für uns.

- Amen -

 

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