Das Doppel-Pfarrhaus in Rehna

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Das Pfarrhaus der Evang. Kirchgemeinde in Geschichte und Gegenwart

Als Rehna in Jahre 1552 evangelisch wurde, baute man in der Folgezeit ein doppeltes Pfarrhaus; zwei Pastoren sollten in dem großen Dorf, zu dem gut 15 kleinere Dörfer dazugehörten, ihren Dienst antreten. Wie es aussah, ist leider nicht dokumentiert. Im Jahre 1758 wurde es letztmalig saniert. 1786 begann man mit der Planung eines neuen, des uns bekannten Pfarrhauses. Doch nun werfen wir kurz einen Blick in die Gründungszeit Rehnas zurück:  Als um 1160 unser Städtchen von Nordhessen aus als kleines Bauerndorf gegründet wurde, vermaß man 8 Bauernareale. In der Dorfmitte befand sich eine kleine Holzkirche mit dem dazugehörigen Friedhof, drum herum die 8 Hofstellen (Holzhütten + Ländereien). Aus dieser ältesten deutschen Rehnaer Zeit ist baulich nichts erhalten geblieben. Aber es liegt die Vermutung nahe, dass unser Pfarrgrundstück (Doppelhaus, Hof und Garten) exakt eines dieser 8 ursprünglichen Grundstücke war.

Zu Michaelis (29.9.) 1791 konnten die Pastoren Riedel und Sondershausen in ihre Pfarrwohnungen ziehen. Das Baumaterial des Vorgängerbaues wurde in der Bevölkerung versteigert. Dabei brachte allein das Bauholz 132 Reichstaler ein; das entsprach immerhin der Miete eines Pastors für den Zeitraum von 3,5 Jahren! Baumaterial war wertvoll; bei der Entkernung unseres Pfarrhauses fanden wir Ziegelsteine von ehemaligen Klostergebäuden vor, die nach dortigen Einstürzen für den Pfarrhaus-Neubau Verwendung fanden. Nun fix gerechnet: unser Pfarrhaus ist heute, im Jahre 2010 genau 219 Jahre alt. Eine gründliche Sanierung war sehr notwendig. Viele Balken waren durchgefault, Wände feucht usw.

 

historisches Foto, Anfang 20. Jahrhundert, Blick in die Mühlenstraße

 

In diesem Bildausschnitt erkennt man deutlich, dass die Steintreppe Mühlenstraße 13 parallel zum Bürgersteig verlief; darauf Bezug nehmend wurde der Tritt im Jahr 2010 wieder so hergestellt. Die besondere Bedeutung dieses Fachwerkhauses als Pfarrhaus wird somit deutlich sichtbar.

 

 

1930, Foto Zeiß

 

Das Gebäude an sich ist schon eine große Besonderheit, da es ein "gespiegeltes Doppelfachwerkhaus" ist. Aber auch innen fand man vor der Sanierung (2008 - 2010) noch etliche Stilelemendte das Barock vor: so die Türbeschläge,

 

die Holzfassungen der Türen (Viertelkreisrundungen in den Ecken)

 

und die Treppenhäuser.

 

Einiges von der alten Substanz konnte gerettet werden und ist nun insbesondere im Obergeschoss Mühlenstraße 13 zu finden.

 

Durch zwei solche Durchfahrten führten Kopfsteinpflasterwege zu den Stallungen. Eine Stallung ist vor ca 100 Jahren dem Feuer zum Opfer gefallen. Eine Durchfahrt wurde im Rahmen der Sanierung zugemacht um einen großen Gemeinderaum erhalten zu können. Von außen ist natürlich gut der historische Zweck zu erkennen.

Für "alte Rehnaer" mag es von Interesse sein, die Pastoren der letzten 100 Jahre noch einmal aufgelistet zu sehen:

- 1898 Pastor Karl Ante, daneben P. Jarchow; P. Ante stirbt 1908 (der Chor singt)

- 1908 Pastor Preß, daneben P. Müller;  P. Preß stirbt am 2. Weihnachtstag 1937

- 1938 Pastor Freudenstein, daneben Bauer Lammers;  P. Freudenstein nimmt sich 1958 das Leben

- 1958 Pastor Lankow

- 1969 Pastor Blanck, später ist er Propst, dann Superintendent in Parchim

- 1983 Pastor Witt

- 1. Juli 1998 Pastor Andreas Ortlieb

(für Korrektuvorschläge bin dich dankbar!)

 

Im Jahre 2005 begann die Planung der Sanierung des Rehnaer Doppelpfarrhauses. Die Finanzierung musste geklärt werden und die neue Raumeinteilung festgelegt. Der Kirchgemeinderat beschloss, beide Haushälften zu behalten. Mit der "Diakonie im nördlichen Mecklenburg" fand man einen Partner, der nach Fertigstellung der Sanierung zum 1. September 2009 in der Mühlenstraße 11 eine evang. Kindertagesstätte betreiben wollte. Dies bedeutete finanziell Mieteinnahmen über etliche Jahre und damit Refinanzierung notwendiger Kredite. Nach drei Jahren Bauplanung konnten die Bauarbeiten beginnen. Weitere zwei Jahre sollten vergehen bis zum Abschluss der Renovierung - ein Zeitraum wie auch bei Neubau des Pfarrhauses vor 219 Jahren. Gut Ding will lang Weile haben. Alles will wohl überlegt sein. Nun ein par Bilder von der Bautätigkeit.

 

insgesamt 16 Schichten Tapezierung wurden gefunden; einige Stellen haben wir in ihrer Ursprünglichkeit erhalten

 

 

Auch alte Zeitungen fanden wir an den Wänden - mit z.T. schönen Bildern und sogar mal eine Briefmarke.

 

 

 

die Entkernungsbrigade, angestellt von der Kirchgemeinde Rehna (Münzberg, Kirchhoff, Hoppe = Bobbesch)

 

 

 

 

alles wurde dem Erdboden gleichgemacht, fast nur die Holzkonstruktion blieb stehen

 

Wohin mit dem Schutt? Kirchenältester Schopper Hoffmann karrte alles auf das Grundstück des ehemaligen Holzwerkes. Gemeindemitglied Torsten Kraul erlaubte das Verkippen auf seinem Gelände, welches dadurch erhöht wurde.

 

und ab damit!

 

 

 

Ein schöner mehrtägiger Arbeitseinsatz war das Anbringen der Dämmung der Außenwände: Buchen-Lehm-Schredder wurde  zentnerweise hinter Schilfmatten geschüttet, welche dann an ein Lattengerüst getackert wurden.

 

 

 

 

Die Außenwände erhielten eine Dämmung aus Buchenholz-Lehm-Schredder + Schilfmatten. Aus diesem Substrat sprossen bald viele schöne Becherlinge (Peziza varia), zwar nicht essbar, aber auch nicht für die Wände schädlich; aber sehr interessant für den Rehnaer Pilzverein!

 

Am 1. September 1909 dann Ende des I. Bauabschnittes und Inbetreibnahme des evang. Kindergartens in der Mühlenstraße 11. Zum Erntedankfest 2010 dann die Einweihung und Namensgebung "Am Klostergarten" im fast fertiggestellten Gemeinderaum, Mühlenstraße 13 (Foto).

 

Bobbisch, alias Reinhard Hoppe, Hausmeister des Kindergartens und fleißiger ehrenamtlicher Helfer beim Verlegen des Linoleums im Obergeschoss Mühlenstraße 13 (Küche).

 

Unsere liebe Küsterin Kerstin Lietz besuchte und bewirtete oft die ehrenamtlichen Bauarbeiter.

 

Pastor Ortlieb malerte und verlegte Dielen

 

und sammelte Müll inmitten von giftigen Erdwespen und und und ...

 

Diakon Krause erledigte sämtliche Fliesenarbeiten

 

und putze und fotografierte ...

 

und immer wieder Bobbesch ...

 

Der Brunnen auf dem Pfarrhof wurde saniert.

 

Neue, aber auch diese alten Dielen wurden verlegt.

 

Jor Mulder, der in Berlin Malerei studierte, fertigte Wolkenhimmel und Phönix als Kassetten-Deckenmalerei. Die Einweihung des restaurierten Pfarrhauses fand am Reformationstag anno 2010 statt.

ENDE

Wir bedanken uns für die historischen Aufnahmen von Foto Zeiss, Rehna, für die Sanierungsfotos von Reinhard Hoppe und für Informationen bezüglich des Historie der Rehnaer Pfarrhäuser von Olaf Both!